Die folgende Beschreibung wurde (in gekürzter Form) einem Artikel von Hermann Brommer entnommen, der in der Festschrift „400 Jahre evangelische Kirche in Bötzingen“ aus dem Jahr 1983 abgedruckt ist.
Das Kreuzfenster (Foto rechts oben) bietet in hübschem Gitterwerk mit fein stilisierten Blüten- und Blattmustern und guter Farbharmonie ein Rundmedaillon mit gleicharmigem Dreipaßkreuz dar, das auf dem Querbalken die Inschrift zeigt: DIE LIEBE HÖRET NIMMER AUF. Die Dornenkrone weist auf Passion und Erlösungstat Christi hin. Im mittleren Sockelfeld des Fensters erregt die Stifterscheibe (kleines Foto rechts) besondere Aufmerksamkeit. Mit dem Wappen der Familie von Stockfleth ist dort die Widmung verbunden: »Zum frommen Andenken an Adolf Friedrich von Stockfleth und dessen Ehefrau Maria Magdalena von Stockfleth geb. Enderlin. Gestiftet 1897.« Zwei Bracken halten einen roten Ovalschild mit silbernem Ritterkopf und goldenem, sechszipfligem Stern. Aus dem mit roten Helmdecken eingefaßten Bügelhelm wächst über Adelskrone und Adlerflug eine Bracke empor.
Dieses in Deutschland kaum bekannte Wappen identifiziert eine Stifterfamilie, die ein ungewöhnliches Leben hinter sich hatte. Am 12. Juli 1849 heiratete Adolf Friedrich von Stockfleth in Louisville im Staat Kentucky (USA) Maria Magdalena Enderlin »verwitwet gewesene Grimm«. Der am 21. Dezember 1810 in Kopenhagen geborene Bräutigam war als »Konsul des Königreichs Dänemark im Staate Mexiko« tätig gewesen, bevor er in die USA einwanderte, dort heiratete und am 7. November 1850 in Boston (Massachussetts) den Antrag auf Verleihung des nordamerikanischen Bürgerrechts stellte. Der County-Gerichtshof von San Francisco verlieh ihm am 24. Mai 1855 das Staatsbürgerrecht der USA, das er bis zu seinem Tod beibehielt. Seine Frau Maria Magdalena Enderlin stammte aus Bötzingen, wo sie am 29. Mai 1820 als 3. Kind der Bauersleute Joseph Enderlin (1790-1835) und Maria Magdalena Höflin (*1791, »ausgewandert«) in Oberschaffhausen zur Welt kam.
Das Christusfenster (Foto rechts unten) gestiftet von Maria Barbara Vogtsberger geb. Mößner 1898«, läßt die Gestalt des menschgewordenen Gottessohnes aufleuchten. Von kräftigen Rottönen und der Mandorla umfaßt, präsentiert sich der »segnende Christus« dem Blick der Betrachter. Die vier Evangelistensymbole des Matthäus (Engel), Markus (Löwe), Lukas (Stier) und Johannes (Adler) flankieren die Christusdarstellung, die sich in Haltung, Gewandbehandlung und Segensgeste der ausgebreiteten Arme deutlich als Nachbildung der von Bertel Thorvaldsen 1827 geschaffenen Christus-Statue erweist.
Die seitwärts ausgebreiteten Hände möchten diejenigen, die in der Kirche sitzen oder stehen, segnen und einladen: »Kommt alle zu mir!«. Der Schöpfer dieses wohl populärsten Christusbildes des 19. Jahrhunderts, der dänische Bildhauer Bertel Thorvald-sen (1768/70-1844 Kopenhagen), war einer der Hauptmeister des Klassizismus. Durch einen Rom-Aufenthalt hatte er Freunde im deutschrömischen Künstlerkreis gefunden und einen eigenen empfindsamen Klassizismus entwickelt. Er orientierte sich am Schönheitsideal des griechischen und römischen Altertums, wie es von J. J. Winckelmann, dem Propagandisten einer neu und ideal gesehenen Antike, verkündet worden war.
Den von Thorvaldsen übernommenen »segnenden Christus« im Bötzinger Kirchenfenster charakterisierte der nicht bekannte Glasmaler aber auch als Lehrer der Christenheit zwischen den Kündern seiner Frohen Botschaft.
Schriftbänder weisen die aus der Geheimen Offenbarung des Johannes übernommenen vier Wesen (Apokalypse 4, 6-8) unzweideutig als Sinnbilder der vier Evangelisten aus. Schon in der Kunst des 1. christlichen Jahrtausends galten die vier Wesen Engel, Löwe, Stier und Adler als Hauptträger der himmlischen Liturgie und Sänger des Sanctus. In Gestalt und Funktion vereinigen sich in ihnen Züge der Gesichte des Isaias (Flügel) und des Ezechiel (Tiergestalt und Augen). Sie behielten ihren ursprünglichen Engel- und Lobgesangcharakter auch als Symbole der vier Evangelisten bei. Eine Gleichsetzung, die auf die Kirchenväter zurückgeht und zu uneingeschränkter Geltung gelangte.
Dezember 2023, Wolfgang Schmidt
Quelle: Ev. Kirchengemeinde (Hrsg.), 400 Jahre Evangelische Kirche in Bötzingen, Bötzingen 1983
Fotos: Wolfgang Schmidt, 2022












